Pro Systemumstellung von Claude 'Wolky' König:
Kein Warcraft-3-Jahr stand jemals so im Zeichen des Wandels wie 2008. Die beiden größten und wichtigsten Teamligen der Welt, die NGL sowie die WC3L, haben sich grundlegend verändert. Mit dem gestrigen Tage wurde der letzte Clanwar der beiden alten Systeme bestritten und nie wieder werden wir in diesen zwei Ligen das sehen, wofür sie so berühmt geworden sind. Und dennoch: Es ist etwas Positives.
Die letzte Saison der WC3L war nicht ihre beste. Viele Saisons und Jahre hatte die WC3L einen großartigen Aufstieg zu feiern. Immer internationaler. Immer mehr Fans. Immer mehr Teams. Immer mehr Stars. Immer mehr Niveau. Doch wie schon das alte Sprichwort klagt: Alles, was aufsteigt, muss auch irgendwann wieder herunter kommen. - So ging es der WC3L in den letzten zwei Saisons auch. Immer mehr Teams lösten sich auf oder mussten zumindest aus der WC3L austreten. Immer mehr Organisationen stellten fest, dass sie zu lange mit geborgter Zeit lebten und sich Ihre großen Topteams gar nicht leisten konnten. Aber was ist die prestigeträchtigste Teamliga der Welt ohne die prestigeträchtigsten Clans der Welt? Außerdem kriselte es nicht nur bei den Organisationen, sondern auch die Fans begannen aufzubegehren. Immer öfter und in jeder Community der Welt vernahm man kritische Stimmen, die sich über zu lange Clanwars, zu viele Mirrors sowie zu wenig Abwechslung beklagten.
Wie nicht anders zu erwarten war, versuchten die Verantwortlichen daraufhin, die sich immer deutlicher anbahnende Krise abzuwenden. Ein neues Konzept musste her - und zwar schnell. Unter den Ansprüchen, abgespeckte Teams zu erlauben, weniger Spieler- und Zuschauerzeit in Anspruch zu nehmen und möglichst viele hochklassige Partien zu bieten, war die Lösung nicht einfach. Zumal man unter Zeitdruck stand.
Die erhoffte Rettung vor der Krise war das aus dem Tennis altbewährte und erprobte "Davis-Cup-System". Bislang muss man sogar sagen: "Es hält sie, was man versprach." - Teams sind nun in der Lage, mit lediglich zwei Spielern einen gesamten Clanwar zu bestreiten, was automatisch zu der Erfüllung der anderen Ansprüche führt. Dadurch dass man nur wenige Hosts braucht und der Ablauf neu geregelt ist, können Clanwars auf für Spieler und Zuschauer erträglichere Zeiten verkürzt werden. Auch die hohe Anzahl an Topbegegnungen ist hiermit gesichert. Die Besten der Besten jedes Teams werden pro Clanwar direkt aufeinandertreffen.
Doch auch wenn dieses System viele aktuelle Probleme behebt, ist es kein Selbstläufer. Nur weil man nun einen neuen und effizienten Weg beschritten hat, darf man sich nicht zurücklehnen. Auch das neue System wird über kurz oder lang wieder Probleme mit sich bringen, die nur durch Mut zu Innovation und Neuerung zu beheben oder präventiv zu verhindern sind. Sonst könnte es passieren, dass man in fünf Saisons erneut aufwacht und merkt, dass schon wieder die gesamte Fassade bröckelt.
Das andere große Thema der Teamligenszene ist die NGL. Ähnliche Probleme wie bei der WC3L herrschten auch hier vor. Allerdings beschlossen die hiesigen Verantwortlichen, ganz andere und - wie für die NGL üblich - ganz neue Wege zu beschreiten. So entschloss man sich, die erste weltweite Einzelspieler-Liga zu gründen. Eine Vision, von der Warcraft-3-Fans des gesamten Globus schon seit Jahren träumen. Wenn die WC3L immer die Championsleague der Teams war - und ist -, kann sich die NGL nun die Championsleague der Spieler nennen. Jeden Spieltag werden sich die besten Spieler der Welt miteinander messen und den Zuschauern sicher mehr als nur einige unvergessliche Spiele bieten.
Doch nicht nur die Idee war gut, auch die Umsetzung besticht. Die NGL ONE bietet einen fairen und ausgeglichenen Mappool sowie eine hervorragende Finalsregelung. Den Zuschauern wurde sogar die Möglichkeit gegeben, die Teilnehmer der Liga mitzubestimmen. Wenn die neue NGL ONE auch weiterhin mit den alten Traditionen - großartige Coverage und reibungsloser Ablauf - glänzen kann, steht einem neuen Stern am Warcraft-3-Turnierhimmel nichts mehr im Wege.
Trotz des Lobes für die neue NGL ONE sollte man aber die eigentliche NGL nicht vergessen. Denn auch im Hause Freaks4U wollte man die Teamliga nicht ganz missen. So bleibt - nur etwas verkleinert - das alte System der NGL bestehen. Eine gute Entscheidung, denn auch diese Teamligenvariante hatte so manchen Anhänger und Verehrer gefunden. Neben der Tatsache, dass man die Anzahl von Spielen pro Clanwar etwas reduzierte, wurde vor allem ein Kritikpunkt angegangen: der häufig gescholtene Mappool und die etwas langweilige Arie von Kontermatches. Obwohl sich am Stattfinden Letzterer nicht viel ändern wird, hat man durch den neuen Mappool doch etwas mehr Fairness und Ausgeglichenheit in die Liga gebracht.
Alles in allem kann - und muss - man sagen, dass die Neuerungen in diesen zwei so bedeutenden Ligen zum Wohle der gesamten Szene sind. Warcraft III: TFT hat nun immerhin schon fast sechs Jahre auf dem Buckel und solche Veränderungen sind zum Erhalten dieses - immer noch besten - Strategiespieles auf dem Markt unabdinglich. Sicher mögen diese Änderungen nicht nur auf Freude und Freunde treffen, aber sie dienen alle einem größeren Ziel: Warcraft 3 als das Spiel, das wir lieben, zu erhalten. Sicherlich ist heute nicht aller Tage Abend und es muss noch viel getan, verbessert und auch einfach gelernt werden, aber fest steht, es ist ein richtiger Schritt in eine viel versprechende Zukunft.
Contra Systemumstellung von Fabian 'te_X' Held:
Die ESL gehört zur Turtle Entertainment GmbH, man könnte also sinnbildlich davon sprechen, dass die beiden sehr eng miteinander verwandt sind. Verwandte wiederum sind sich sehr ähnlich: So bewegt sich die ESL zunächst mit dem Tempo einer Schildkröte vorwärts, nur um danach in Michael Schumacher Manier an ihrem Ziel vorbei zu schießen. Dem Ziel einer guten und sinnvollen Reform der WC3L.
Mit den Zuschauern ist es aber auch schwierig: Sie wollen spannende Spiele, gute Unterhaltung sowie Abwechslung. Und das alles sogar am besten noch gleichzeitig. Da die ESL um ihren Chef Baschi ja nicht doof ist und gerne weiterhin fleißig Werbeeinnahmen kassieren möchte, was ihr gutes Recht ist, dachte man sich: "Warum nicht die WC3L reformieren?" - Die Teams beschwerten sich eh die ganze Zeit wegen der hohen Kosten für ein Team, die Spieler wegen der langen Dauer der Spiele und die europäischen Zuschauer wegen den langweiligen Spiele sowie den Finals in China. Der Zeitpunkt war also perfekt.
Guter Rat war allerdings teuer, Zeit ist leider auch weiterhin Geld und die ESL notorisch Pleite. Also machte man einmal mehr Nägel mit Köpfen und kramte aus einer Schublade eilig das "Davis-Cup-System" hervor, welches alle Probleme lösen sollte. Die Teams bräuchten weniger Spieler, selbige weniger Zeit und die Zuschauer bekämen endlich spannende Spiele, obwohl Finals auf europäischem Boden wohl noch immer zu viel des Guten sind.
Die Geschichte mit den spannenden Spielen ist jedoch eine eigene. In erster Linie macht das neue System es den Managern unmöglich Untoten-Spieler zu seeden. Da diese gegen beide Akteure des anderen Teams antreten müssen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie gegen einen Orc spielen werden, sehr hoch. Gerade Letztere werden durch das System stark gefördert, weil sie kaum natürliche Feinde besitzen. Sowohl gegen die Menschen, als auch gegen die Nachtelfen haben sie gute Chancen auf einen Sieg. Die Folge wird wohl also eine Orc-Flut sein. - Naja, Mirrors sind ja auch spannend und mit drei Rassen macht Warcraft bestimmt nicht weniger Spaß.
Beinahe zeitgleich reagierte die Konkurrenz: Die NGL stellte ebenfalls ihr System um und setzt jetzt auf ein Drei-gegen-Drei- an Stelle des Vier-gegen-Vier-Systems. So brauchen die Teams weniger Spieler. Außerdem wird sicher einiges besser und Hertha BSC Deutscher Meister. - Die NGL ist langweilig und wird es auch weiterhin bleiben! Bedingt durch ihr System, wird immer ein Spieler im Vorteil sein. Wenn zum Beispiel im ersten Spiel ein Nachtelf gewinnt, wird er als nächstes gegen einen Undead auf dessen Lieblingsmap spielen. Die Chancen auf einen Sieg des Nachtelfen darf sich jeder selbst ausrechnen. Der Undead darf, im Falle eines Sieges, danach gegen einen Orc auf dessen Lieblingsmap ans Werk und so weiter und so weiter. Dadurch entstehen langweilige Spiele, welche bereits mehr oder weniger entschieden sind, bevor sie überhaupt begonnen haben.
Die großen Ligen scheinen insofern derzeit unfähig zu sein, das zu tun, was notwendig ist. Es mangelt an Abwechslung und Geld. Letzteres Problem könnte man nun einigermaßen in den Griff bekommen haben, da die Teams weniger Spieler und ein kleineres Budget benötigen. Wenn dies aber nur auf Kosten der Abwechslung möglich war, war es ein zu hoher Preis. Vor allem die ESL braucht dringend ein Konzept, um ständige Mirrors und sich wiederholende Partien zu vermeiden. Lösungen dafür zu finden, ist sicherlich schwierig, aber dadurch verdient die ESL schließlich ihr Geld, indem sie zusammen mit ihrem Verwandten, der Schildkröte, das Publikum unterhält. Vielleicht verstehen die Organisatoren auch irgendwann, dass die Teamligen nicht die Zukunft sind. Viel mehr möchten die Zuschauer spannende Spiele sehen, weshalb man seine Kräfte lieber auf neue, innovative und interessante Soloturniere konzentrieren sollte.
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